So, 3. Dez 2023
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Ein Abend mit Twyla Dawn Weixl und Jeff Chi

RĂŒckblick: Erste „Talking Heads“-Lesung im Atelier von Barbara Yelin am 18. Oktober 2022 in MĂŒnchen

Vorbereitungen zur ersten Atelier-Lesung. © Sandra Eckhardt

BierbĂ€nke, GartenstĂŒhle, Zeichenhocker – das Atelier von Barbara Yelin in der MĂŒnchner Au hat sich in einen Salon verwandelt und ist an diesem Abend bis auf den letzten Platz besetzt. Es ist der Auftakt der neuen Lesungsreihe „Talking Heads“, bei der etablierte Comic-Schaffende jeweils zwei Neulinge in ihre privaten ArbeitsrĂ€ume zum GesprĂ€ch einladen. Barbara Yelin macht den Anfang und prĂ€sentiert die gerade fertiggestellten Comics von Twyla Dawn Weixl und Jeff Chi.

Barbara Yelin (rechts) im GesprÀch mit Twyla Weixl und Jeff Chi. © Sandra Eckhardt

Zur BegrĂŒĂŸung spricht Elisabeth Donoughue vom Bayerischen Staatsministerium fĂŒr Wissenschaft und Kunst, das die Lesungsreihe unterstĂŒtzt. Die freie Kunstszene sei durch die Corona-Zeit schwer gebeutelt, sagt sie, daher stelle das Ministerium eigens Geld fĂŒr neue Formate wie Austausch- und Arbeitstreffen zur VerfĂŒgung. „Es geht uns um StĂ€rkung und Sichtbarmachung. Wir versuchen, den Comic zu fördern, wo es geht.“ Die Geschichten, die an diesem Abend vorgestellt werden, erzĂ€hlten von Selbstbefreiung und SelbstermĂ€chtigung. Ohne diese Geschichten ginge viel verloren, sagt Donoughue und erklĂ€rt in Abwandlung eines Zitats von Pina Bausch: „Zeichnet, zeichnet – sonst sind wir verloren!“

Elisabeth Donoughue bei ihrer Ansprache. © Sandra Eckhardt

Die Kanadierin Twyla Dawn Weixl lebt seit 43 Jahren in MĂŒnchen, sie hat erst im Filmbusiness und dann als Englischlehrerin gearbeitet. Schon in ihrer Jugend hat sie geschrieben, doch erst vor sechs Jahren begann sie, Comics zu zeichnen. Den Anstoß gab die Frage: „Wozu bin ich eigentlich da? WofĂŒr ackert man ein Leben lang, wenn nicht, um eine Geschichte sichtbar zu machen, die in einem brennt.“

Twyla Weixl zeigt eine Doppelseite aus ihrem Comic. © Sandra Eckhardt

Die Geschichte, von der ihr Comic handelt, ist von ihrer eigenen Kindheit inspiriert. Ihre Hauptfigur Dory ist ein „Fighter Brat”, die Tochter eines Kampfpiloten. Sie lebt mit ihrer Familie auf einer Air Force Base im Kanada der fĂŒnfziger Jahre und trĂ€umt davon, selbst Pilotin zu werden und die westliche Welt im Kalten Krieg zu verteidigen. Doch nicht nur die Weltlage droht zu eskalieren, auch Dorys Konflikte spitzen sich zu, als ihr Freiheitswille auf eine rigide MĂ€nnerwelt prallt.

„In den fĂŒnfziger, sechziger Jahren waren Frauen hauptsĂ€chlich dekorativ und nĂŒtzlich – und MĂ€dchen waren unterste Kategorie“, sagt Twyla Dawn Weixl. Alles drehte sich um den Vater, der bedingungslose LoyalitĂ€t erwartete und der kleinen Tochter bestenfalls seine Stiefel zum Putzen ĂŒberließ. Der Job des Kampfpiloten ging immer vor, die Familie zog zwanzig Mal um. „Die Starfighter waren jeden Tag prĂ€sent, lĂ€rmend am Himmel, als Kind erschien mir das sehr attraktiv, aber ich durfte natĂŒrlich nicht mitmachen. Wir Kinder waren immer am Rand, es wurde viel verheimlicht, und wir versuchten stĂ€ndig, die Signale der Eltern zu lesen.“

"Fighter Brat" ist der Titel des Comics ĂŒber die Tochter eines Kampfpiloten. © Sandra Eckhardt

Ihren Arbeitsprozess beschreibt Twyla als „absolut analog, old school“. Sie zeichnet zunĂ€chst mit Bleistift, dann mit blauem Buntstift und Tinte. Auf einem dritten transparenten Blatt folgt die Schrift. Comiczeichnen ist mĂŒhsam und dauert lange. „Mit Geld hat das ĂŒberhaupt nichts zu tun, diese Arbeit ist absolut unbezahlbar.“ Sie habe auch erst lernen mĂŒssen, wie Comics funktionieren, zum Beispiel wie wichtig Reduktion sei. „Streich die Wörter, steck sie in die Bilder“, sei ihr immer wieder eingeblĂ€ut worden.

Der autofiktionale Comic ist als Trilogie geplant, den ersten Teil wollte Twyla unbedingt ihrer Mutter schenken. Als sich der Tod der Mutter ankĂŒndigte, stand sie zeitweise um drei Uhr nachts auf und zeichnete bis abends um zehn Uhr. Die Mutter starb nicht, aber Twyla brauchte danach erst mal drei Monate Pause. „Ich mache das, weil ich es nicht lassen kann“, sagt sie, „and because IÂŽm crazy.“

Jeff Chi liest aus seinem Comic "WhoŽs the Scatman?" © Sandra Eckhardt

Der NĂŒrnberger Jeff Chi ist schon lange in der Comic-Szene aktiv. Als Netzwerker, als Initiator von Comic-Projekten und aktives Mitglied der Comic Solidarity. Jahrelang betrieb er den autobiografischen Comic-Blog „Spinken“. Jeff Chi: „Den habe ich jetzt abgeschaltet, weil da meine ganze PubertĂ€t drinsteckt. Das muss nicht mehr fĂŒr alle sichtbar sein.“

„Who’s the Scatman?” (Zwerchfell Verlag) ist seine erste Graphic Novel. Und es ist die erste Biografie ĂŒber den Eurodance-Superstar Scatman John, dem in den neunziger Jahren ein One-Hit-Wonder gelang. Jeff Chi webt in seinem Buch verschiedene ErzĂ€hlstrĂ€nge und unterschiedliche Zeitebenen virtuos ineinander. Er erzĂ€hlt das Leben des Musikers, dem der Durchbruch erst mit Mitte 50 gelang und der dabei fĂŒr viele Stotterer auf der ganzen Welt zum Vorbild wurde.

Volles Haus: Nicht alle fanden einen Platz im Atelier. © Sandra Eckhardt

Jeff Chi, der schon lange als Web-Entwickler arbeitet, hatte die Idee zum Comic wĂ€hrend seines Design-Studiums. Die ersten beiden Kapitel hat er schließlich als Bachelor-Arbeit eingereicht, danach dauerte es noch einige Jahre bis zur Fertigstellung. „Ich weiß nicht, ob ich es ohne den Kickstarter des Studiums geschafft hĂ€tte. Auch die Corona-Jahre waren gewissermaßen eine glĂŒckliche FĂŒgung.“ Hauptberuflich Comiczeichner zu sein, kann Jeff Chi sich nicht vorstellen. Sein Brotberuf mache ihm schließlich auch Spaß, dort verdiene man in einem Monat so viel wie ein Comic insgesamt einbringe. Und mit Familie sei das gar nicht möglich.

Allein fĂŒr die Recherchen brauchte er ein halbes Jahr. Er fĂŒhrte Interviews mit Zeitzeugen und suchte nach Originalquellen. Daraus entstand ein 50- bis 60seitiges Drehbuch. Anschließend zeichnete er die Geschichte in Thumbnails, winzige Vorschaubilder mit dem ungefĂ€hren Seitenaufbau. „Das ist der mystische Teil der Arbeit. Der Comic ist dann eigentlich fertig, es kann ihn nur noch keiner lesen.“ Schließlich fertigte er die Vorzeichnungen an, die er auf dem Leuchttisch durchpauste und mit Bleistift ins Reine zeichnete. „Das ist dann nur noch Fleißarbeit – reine Schikane hinten raus.“ Er zeigt ein Foto mit ein paar Dutzend Bleistiftstummeln – „und das sind lĂ€ngst nicht alle“. Die Sprechblasen fĂŒgte er einzeln hinzu. Der Comic war ursprĂŒnglich in schwarz-weiß angelegt, zuletzt hat er sich dann doch fĂŒr Farbe entschieden.

BĂŒchertisch mit frisch erschienenen Comics. © Sandra Eckhardt

Auf den ersten Blick verbindet die beiden Comics wenig. Doch beim genaueren Lesen fiel der Gastgeberin und Moderatorin Barbara Yelin auf, dass es viele Gemeinsamkeiten gibt:
– Beide Comics spielen in derselben Zeit.
– Sie erzĂ€hlen biografische Lebensgeschichten.
– Es geht um Sprache und BilingualitĂ€t.
– Ein ĂŒbermĂ€chtiger Vater ĂŒbt Druck aus.
– ErzĂ€hlt wird von Menschen, die viel unterwegs sind.
– Beide Protagonisten sind Außenseiter, die sich befreien wollen.
– Und beide wollen hoch hinaus – als Pilotin oder als Superstar.

Jeff Chi zeigt eine Auswahl der Bleistifte, die er beim Zeichnen verbraucht hat. © Sandra Eckhardt

Barbara Yelin wirft die Frage in die Runde: „Was hat Euch bei der Arbeit geholfen? Und was könnte uns allen helfen, damit sich unsere Arbeitsbedingungen verbessern?“
Twyla: „Ernst genommen zu werden, Förderungen wie die durch das Ministerium, Zeichengruppen, Aktzeichnen und gemeinsames Schreiben, Mentoren, Vernetzung“
Jeff: „Geld, Publikum, gut platzierte Veranstaltungen, Leser und Leserinnen“
Das Publikum: „StudiengĂ€nge an Hochschulen, die sich mit Comic befassen, allgemein mehr Comic-Kultur in Deutschland so wie in Frankreich, Treffen auf Comicfestivals, gemeinsames Essen und Zeichnen“.

Laue Oktobernacht auf dem Platz vorm Atelier. © Sandra Eckhardt

Die KĂŒnstler*innen, das Comic-Bayern-Team und die Vertreterinnen des Kunstministeriums (von links nach rechts): Jeff Chi und Twyla Weixl (vorne), Anna Fuchs, Dominik Wendland, Elisabeth Donoughue, Jutta Pilgram, Katharina Fischer, Barbara Yelin und Ulrike BĂŒhrlen (hinten):

Jeff Chi und Twyla Weixl (vorne), Anna Fuchs, Dominik Wendland, Elisabeth Donoughue, Jutta Pilgram, Katharina Fischer, Barbara Yelin, Ulrike BĂŒhrlen (hinten, von links nach rechts). © Sandra Eckhardt